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Sardische Impressionen
Sommertage in Onifai

Die Schritte verlangsamen, es den Dorffrauen gleichtun, die vom Einkauf schlurfend um die Ecke ziehen. Im Dorfladen gibt es alles fürs Nötigste. In einer Ecke entdecke ich das Kaminbesteck aus Eisen, schon verrostet, aber genau richtig. Wer weiß, ob ich es im Winter woanders finde. Auf meine Frage nach dem Preis funkelt der Ladenbesitzer mich aus blitzenden Augen an:"Wozu brauchen Sie das, Signora? .. Ich weiß den Preis nicht, kommen Sie morgen wieder. Ich muss erst meine Frau fragen." Die alte , in schwarz gekleidete Frau sitzt derweil auf dem weißen Plastikstuhl neben der Kasse und schimpft lautstark über die Euroumstellung, die Steuererhöhungen...- um dann vom Ladenchef das Neueste aus dem 'Campidano' zu erfahren. Die Lokalzeitung liegt zerknüllt auf der Ladentheke.In aller Ruhe packt er ihre Einkäufe in besagte Plastiktüten mit dem bekannten grün-roten Aufdruck.

Meine kleine Oliera, ein Glaskännchen für Öl, dreht er hin und her, ruft seiner Tochter durch den Laden zu:"Rechne mir doch mal 3500 Lire in Euro um!"

Morgen, ja morgen soll ich wiederkommen, dann weiß er den Preis, schönen Tag, Signora.

Jeden Winkel, jeden Balkon, jeden Blumentopf in mich aufnehmend schlendere ich heimwärts durch die Gassen. Alles neu und doch so vertraut schon. Die dunklen Holztüren mit den Messingringen blitzen im Morgenlicht, noch ist die Luft frisch. Tauben fliegen gurrend in ihren Schlag, Wäsche flattert hoch oben auf den Dachterrassen, die grünen Fensterläden schon geschlossen, um die Mittagshitze auszuschließen.

Das eine oder andere Hoftor steht offen und gibt den Blick frei auf Innenhöfe. Man ahnt: hinter diesen hohen Mauern findet das Leben statt. Ich tue es den Frauen gleich, putze feucht den Balkon. Und wieder ein freundliches Grüßen: Buon giorno, Signora, ciao! Die Deutsche ist im Dorf.

Angekommen, endlich angekommen. Tiefes Durchatmen.

Eine Lautsprecherdurchsage überschallt die Altstadthäuser, ein Blick nach unten verrät: auch samstags , nicht nur am Montag und Dienstag kommen die 'volanti' , die fliegenden Händler mit ihren Waren, Teppiche, Unterwäsche, Bettüberwürfe, Haushaltswaren aller Art, Gemüse.

Wer kauft hier schon Gemüse, frage ich mich. In jedem Haus gibt es zur Zeit wohlschmeckende Tomaten, Melanzane, Zucchini, Fagiolini, Angurie und Meloni im Überfluss. Auch ich profitiere täglich von der Schwemme und kehre von meinen Hausbesuchen mit prall gefüllten Tüten zurück. In meinen nun knapp vier Wochen Aufenthalt habe ich nur ein einziges Mal gekocht, la tedesca ist da, komm zum Essen!

Martino, der Postbote, lädt mich nach dem vorzüglichsten 'Porcheddu' , das ich je gegessen habe, zu sich aufs Land ein. Wir fahren das oleandergesäumte Tal landeinwärts, hinauf in die weißschimmernden Berge. Auf halber Wegstrecke die kleine Wallfahrtskirche San Michele hinter sich lassend, passieren wir das Tor: "Ich schließe es nie ab, damit Jäger und Wanderer durchkönnen. Abgeschlossen habe ich nur Schäden zu erwarten." Hier hat er 140 Olivenbäume gepflanzt, vor drei Jahren 5 l Öl, 2 Jahre zurück 50 l und im vergangenen schon 100 l des grünlich dickflüssigen Saftes!

Mittlerweile ist die Dunkelheit blitzschnell aufgezogen, wir stehen unter dem funkelnden Sternenhimmel, blank geputzt vom starken Maestrale. Welch Fleckchen Erde, das einem in Ehrfurcht erstarren läßt. Von seinem Vater hat er die paar Hektar geerbt, auf einem Hügel mit 360 Grad Blick. In der Ferne blinkt im Mondlicht das silberglänzende Meer, wir drehen uns ein Mal um uns selbst: Bergketten, Hügel und wieder das Meer... Zu unseren Füßen ein 'ruscello', ein Bachlauf, der das Nebentälchen durchzieht und sich zum kleinen Canyon weitet. "Hier sitze ich oft und lausche dem Wasser", erklärt mir seine Frau. Oft zieht ein 'grifone' , ein Gänsegeier, seine Bahnen über ihr.

Obwohl hier jeder im Dorf hart arbeiten muss, verliert man nicht das Menschsein. Stehenbleiben, Schwätzchen halten, sich besuchen....

Und während die Gassen nun Mitte August wie ausgestorben in der Mittagshitze verharren, mache ich es den Dorfbewohnern gleich: schaue neugierig durch die leicht aufgestellten grünen Lamellen, wer da noch läuft im Glutofen . Eine französische Familie, Touristen eben, zieht um sich blickend durchs Dorf.

Angekommen, fühle ich mich leguanähnlich. Langsam werden, einen anderen Rhythmus , ein anderes Verständnis entwickeln, wie die sardische Telecom.

Das Auto fuhr termingerecht vor, ja, aber ich bin allein, die Telefonleitung können wir nur zu zweit ziehen, einen anderen Termin? Ja, aber erst nach Ihrer Abreise, denn jetzt ist August, jetzt machen wir erstmal Ferien, Sie wissen "Ferragosto!"

Dösen auf dem Balkon, Grazia Deledda lesend, während über mir Schwalben ihre Nester bauen. Sie ziehen ihre Runden, tagsüber über den Mönch- und Nonne-Dächern des kesselartig eingerahmten Dörfchens.

Du lädtst mich zum Cafè? Gut, aber doch nicht mit diesem neumodischen elektrischen Kaffeeautomaten. Dein Capuccino war ja wie eine 'prima colazione', zuviel geschäumte Milch. Nimm diese Cafetiera, aber stell das Gas auf kleine Stufe, damit der Dampf langsam nach oben tritt, die Aromastoffe des Kaffees werden so länger aufgenommen, und füge einmal ein paar Körnchen Kardamom obenauf.

Stille überzieht erneut das Dorf, ein marokkanischer Händler in Lederschlappen schiebt ohne Hast seinen Handkarren voll bunter Kleider vor sich her.

Hufegeklapper schallt durch die Gassen, ein braunglänzendes Araberpferd trägt seinen stolzen Reiter. Sie bereiten sich auf das abendliche Fest im Nachbarort vor. Doch erst einmal bindet der junge Besitzer sein Pferd am Halteverbotsschild vor der Bar 'Cedrino' fest, um selbst am Tresen zu verschwinden -- Zeit für ein Bier mit Freunden.

Graubläuliche Nebelschwaden schweben über das Tal, weithin bis zum Supramonte-Gebirge schweift der Blick. Rauchgeruch hängt in der Luft, hinter den Hügeln lädt ein Löschflugzeug der 'Canadair' unermüdlich seine Meerwasserladung ab. Wie alljährlich rund um Ferragosto zündeln sie wieder, die 'Piromani'.

Selbst am Samstagmorgen schläft das Dorf weiter, nur hin und wieder dringt ein Hämmern durch: das Ziegeldach drei Gassen weiter wird geflickt. Kinderstimmen, Motorinigeräusche nehme ich eher als entfernte Musik wahr. Die Kirchturmuhr schlägt melodisch zur vollen Mittagsstunde, nervös und aufgeregt gegen Abend als Ruf zur Messe. Mir fällt auf, dass ich schon beginne , ohne Zeit zu leben und suche meine irgendwo abgelegte Uhr.

Erholung kommt, wenn die Zeit zerfließt und Bleistiftskizzen, die Altstadtdächer festhalten, beendet werden wollen.

Strandtücher aufhängen, Meeresfenchel im Blumentopf einpflanzen, Andrea Parodis Gesang lauschen: "Intimi racconti... Hotel Supramonte...".

Sich schön machen fürs Fest, in attesa.. , zum 'ballu tundu'..

Und wenn das Abendlicht die gelbdürren Felder in Gold verwandelt, ist es mir, als stülpe sich die Campagna wie ein Kleid über mich.

Onifai, im August 2006

 

Endlich

wenn mich nichts mehr plagt

sind es solche Momente, von denen ich lebe:

dann bin ich ein Kind des Silberstreifs auf dem glatten Meeresspiegel,

des Säuselns eines Windhauchs in den Eukalyptusbäumen,

des Tamburinschlags.

Eine Tochter der Erde

und eine Komplizin des rotgelben Mondes.

Tief atme ich

die Schellenmusik der wandernden Herde,

den süßschweren Duft der fernen Hügel,

den Schatten der kalkweißen Berge,

die warme Stille der glänzenden Nacht.

Das WAHRE Erbe trage ich schon in mir,

reich genährt,

vereint,

und bald mit Frieden gefüllt.

Su Gollei 19/8/05 , Orosei

 

Patria mia

Wenn ich zurückkehre nach Hause,

dann trage ich die Heimat in mir:

Menschen. Lachen, Gastfreundschaft.

Erinnerungen an vergangene Zeiten,

die über lange Holztafeln schweben,

das Gläschen Dessertwein zum 'saluto' erhoben:

' a cent'annos!'

Und draußen die Stimmen der warmen Nacht.

Schlendern auf Kopfsteinpflaster zwischen

herausgeputzten Altstadthäuschen.

Das Glockenspiel vom Turm.

Stille überzieht das Dorf.

Galtelli, 8/05